AD(H)S und Medikamente Kleiner, sehr persönlicher Beitrag aus unserem Leben

Veröffentlicht am 17. März 2025 um 21:19

Sowohl meine beiden Töchter als auch ich selbst wurden in den letzten Jahren mit ADHS diagnostiziert. Zuerst kam die Diagnose für meine älteste Tochter. Schon in der ersten Klasse hatte mich ihre Lehrerin darauf aufmerksam gemacht, dass sehr wahrscheinlich eine Dyskalkulie, LRS und AD(H)S vorliegt.

Damals war ich alleinerziehend, stand am Anfang meines Referendariats und war ziemlich beschäftigt. Meine Tochter wurde mit fünf eingeschult – was ich im Nachhinein sehr bereue. Ich schob ihre Schwierigkeiten darauf, dass sie vielleicht doch noch nicht schulreif war. In der dritten Klasse begann sie eine Dyskalkulietherapie – die Odyssee nahm ihren Lauf: Schultherapeut*innen, Nachhilfe, (Lern-)Therapie.

Fast forward: Während der Corona-Zeit begann ich meine Ausbildung zur integrativen Lerntherapeutin. Ich hatte (problembedingt) ja schon einiges an Vorwissen und wollte endlich das gesamte Spektrum der Lernstörungen verstehen. Doch meiner Tochter ging es in der Pubertät nicht gut. In der siebten Klasse war sie so frustriert von der Schule, dass ich sie kaum noch dorthin bekam. Wir mussten noch einmal genauer nachforschen, was los war. Nach vielen diagnostischen Terminen bestätigte sich nun auch die ADHS-Diagnose.

Hätte ich doch nur schon in der ersten Klasse auf diese sehr kompetente Lehrerin gehört. Der Schulpsychologe, ein erfahrener und liebevoller Mann, empfahl uns dringend, Stimulanzien gegen die ADHS-Symptome auszuprobieren. Ich war dagegen. Warum eigentlich? Ich hatte all die typischen Vorbehalte internalisiert: Dass Kinder damit nur ruhiggestellt werden, dass der Fehler im System liegt, dass es vielleicht auch an der Ernährung oder doch an meiner Erziehung liegt. (Spoiler: Stimmte nicht!)

Nach einem Jahr und immer wieder vorsichtigem Anklopfen dieses sehr engagierten Psychologen änderte ich meine Meinung: Meine Tochter war alt genug, sie sollte es ausprobieren und selbst entscheiden, ob es ihr guttut.

Das Ergebnis war fast erschreckend: Es ging ihr unglaublich viel besser. Sie hatte eine mentale Energie, die sie (und die Lehrkräfte) so noch nicht kannten und das ganze Schulerlebnis wurde signifikant besser. Heute ist sie erwachsen. Ihre Lernprobleme haben sich natürlich nicht in Luft aufgelöst, sind aber mit viel Unterstützung und Struktur besser handhabbar. Sie hat ihren EBBR ziemlich gut bestanden und ist weiterhin auf ihrem Lernweg.

Bei meiner zweiten Tochter war alles ganz anders – ihre ADHS-Symptomatik war von Anfang an viel deutlicher, vor allem wegen ihrer ausgeprägten Hyperaktivität. Über Medikamente mussten wir daher nicht lange nachdenken. Sie hat (meiner Meinung nach) ein Recht darauf, aber auch hier fiel die Entscheidung nicht leicht, da sie erst 9 war. Unter sehr passgenauer ärztlicher Beobachtung durfte sie selbst mitentscheiden, was ihr hilft – und sie entschied sich ganz klar für die Medikation.

Dass ich selbst vermutlich auch betroffen bin, ahnte ich schon lange. Aber ich hatte mein Leben irgendwie im Griff und war sehr beschäftigt mit der Unterstützung meiner beiden „neurospicy“ Mädchen – mit Therapeut*innen, Diagnostik, Schule und all den Dingen, die mir mein endlos kreatives Hirn so täglich vor die Füße wirft. So kam es, dass ich erst mit über 40 Jahren (und auch im Zuge von Perimenopause - nochmal ein sehr interessantes Thema in Verbindund mit ADHS) bei mir selbst genauer hinschaute. Gleichzeitig erschien das großartige Buch Die Welt der Frauen und Mädchen mit AD(H)S, das ich zweimal hintereinander verschlungen habe und sowohl mich, meine Mutter und meine Töchte so deutlich wiederfand.

Fast forward: Therapeutin - Psychiaterin - Diagnose.

Heute kann ich sagen, dass wir alle drei uns für Medikamente entschieden haben – und ich bin jeden Morgen wahnsinnig dankbar, wenn ich meine Tablette nehme. Wie großartig, dass es sie gibt! Wie erleichternd, dass mein Dopamin ein bisschen länger erhalten bleibt und ich mehr Elan habe, meinen Alltag anzupacken und die Dinge durchzuziehen, für die ich brenne. Meinen Schlüssel habe ich auch schon länger nicht mehr verloren.

Ich bin mir nicht sicher, wie wohl ich mich damit fühle, das hier zu teilen. So oft wurde mir meine Diagnose abgesprochen oder sie wurde trivialisiert. Man hat eben noch ein ganz klares Bild von einem Menschen mit ADHS und in dieses Bild passe ich nicht so offensichtlich. (Spoiler: Ist bei Frauen anders, wird aber erst kürlich erforscht.) Doch für mich ist dise Diagnose auch eine absolut lebensverändernde Erkenntnis – und ich wünschte, ich hätte all das viel früher gewusst. Ich bin dankbar, dass meine Kinder diagnostiziert sind und wir gemeinsam darüber sprechen können. Das verbindet uns.

Ich teile diese sehr persönliche (und extrem verkürzte) Diagnosestory, weil es so viele Vorbehalte gegenüber der medikamentösen Behandlung von AD(H)S gibt. Dabei ist sie nachweislich die wirksamste Therapieform. Es geht nicht darum, jemanden ruhigzustellen oder systemkonform zu machen. Es geht darum, einfach mehr Dopamin zu haben und sich besser zu fühlen – auf so vielen Ebenen.

Mit zu wenig Dopamin ist der Alltag anstrengend. Viele greifen dann zu Strategien wie Zigaretten, Alkohol, Süßigkeiten oder anderen Dopamin-Kicks. Daher ist dies mein persönliches Plädoyer, Medikamente wie Methylphenidat nicht kategorisch abzulehnen, sondern sie vielleicht doch in Erwägung zu ziehen.

Und ja, sie sind sicher nicht für jede*n die richtige Wahl – aber ein Versuch kann es wert sein.

Mehr zum Thema gibt es hier: (Übrigens auch eine wirklich gute Seite zum Thema AD(H)S)

https://www.additudemag.com/should-i-take-adhd-medication/

 

 

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